So, heute haben wir das Schiff wieder übergeben und haben noch eine Nacht und fliegen dann morgen via Madrid zurück nach Zürich (das hat man dann halt, wenn man in der Nebenstsaison reist!).
Am Mittwoch sind wir morgens um 01.50 von Sa Rapita in Mallorca nach Ibiza nach intensivster Wetteranalyse gestartet. Alles ging gut, achterlichter Wind, beinahe Supervollmond, nur Genua gesetzt und etwas Motorunterstützung. Dann nach ca 3 Stunden frischte der Wind auf 25 kn auf, die Wellen wurden etwas höher und das Schiff schneller. Eine Fähre kreuzte uns, soweit gut, Genua etwas gerefft. Um 06.30 Beruhigung, Wind und Wellen etwas zurück, wie die Prognose erwarten liess.
Um 08.30, der Tag ist mit wunderbarem Sonnenaufgang gestartet, wurde der Schalter umgelegt. Innerhalb von 10 Minuten wurden die Böen heftiger und die Wellen zu ziemlichen Monstern und die Gischt fliegt bei den Böen waagrecht übers Boot (Wellenhöhen sind immer etwas schwierig zu bestimmen, ich würde sagen es waren mindestens 5 bis 6 Meter).
Genua reffen, reffen, die Böen kommen mit bis zu (abgelesenen) 38 Knoten, Der Mast mit den Stagen vibriert, es pfeift jedesmal, wenn wir über die Wellen surfen und dabei etwas anluven.
Die nächste Welle kommt von hinten rechts, der Autopilot versucht den Kurs zu halten, schafft es nicht, wir surfen die Welle hinunter, das Schiff dreht nach Backbord, machen eine Halse, die Genua steht back und wir fahren den nächsten Brecher mit gefühlten 80 Grad Krängung hinauf. Die Crew äusserst diszipliniert, vielleicht ein-zwei Schreie, aber sonst gut gesichert und im Ölzeug die Salzwasserduschen ertragend.
Autopilot sofort aus und Steuer von Hand übernehmen, es geht wesentlicher besser, keine Halsen mehr. Ein Cargoschiff überholt uns und wir fühlen die Fernglasblicke auf uns Geduschten fixiert.
Eines war immer klar, bei diesen Verhältnissen müssen wir gar nicht an umkehren denken, keine Chance (Unser Topspeed war 14 Knoten über Grund).
Nach Plan wären es nun noch mehr als 6 Stunden bis zum Ziel und keine Besserung der Situation in Aussicht. Gut vorbereitet wie wir waren, haben wir Fluchthafen und Fluchtbucht auf Ibiza vorbereitet. Also kurze Diskussion und Entscheid, dass wir die Bucht von San Vicente, die gegen den NE-Wind gut geschützt ist, anlaufen werden. Noch gut 2 Stunden Wellenritt, dann an der Halbinsel backbord vorbei, die Wellen bauen sich wegen der abnehmenden Tiefe noch höher auf, am Steilufer sehen wir die Gischt 10m hoch aufspritzen. Kurze Analyse, geht das gut? Und dann kommt der Eingang in die Bucht, hart steuerbord und die Wellen sind weg!
Jetzt noch ein sauberes Ankermanöver, wir kennen ja die Bucht von früher. Alles geht gut, Anker gesetzt, Kette raus, ich gehe nach vorne, um die Kettenlänge zu überprüfen, da sehe ich einen Rettungsring mit Leine auf uns zu treiben. Ich eile nach hinten ins Cockpit, um den Motor abzustellen – zu spät – hat schon abgestellt, aber weil die Leine schon in der Schraube war!
Da kommt (Endzeit-) Stimmung auf. Hängen am Haken, ablandiger Wind mit 25 kn und keinen Motor, den wir einsetzen könnten, wenn der Anker nicht hält.
Kurze Analyse: 1) Es ist UNSER Rettungsring, dessen Leine wir aufgewickelt haben, er muss sich bei dem Wellengang und Wind gelöst haben 2) mit dem Messer tauchen gehen, ist bei den Wellen und der Stimmung an Bord die letzte Option 3) Also Vercharterer anrufen und schauen was er machen kann.
Nach ein paar Calls habe ich Arthuro am Draht, er ist fix, versteht die Situation und organisiert innerhalb von 15 Minuten einen Taucher, der uns unterstützen kann. Der Taucher taucht eine gute Stunde später neben unserem Schiff auf, das mittlerweile im einlaufenden Schwell alle Bewegungen macht. Ich spreche kurz mit dem Taucher (ohne Flasche, nur Neopren, Flossen und Maske) und er löst das Problem, resp. Leine innerhalb von 10 Minuten. Letzter Test mit Motorstart – alles okay.
Wir sind etwas erschöpft, essen Thonsalat und legen uns dann, nach Aktivierung des Anchor Watchs, zur “Ruhe” aber der Schwell ist beachtlich.
Schlecht geschlafen haben wir auch realisiert, dass jetzt die Böen und die Wellen draussen auch abgenommen haben. Also wollen wir es versuchen Ibiza nordwärts zu umfahren und zu unserer Destination San Antoni im Westen zu gelangen.
Abfahrt, Anker lichten, was höre ich von vorne: “wir hängen in einer Boje!” Nein, da ist irgendwie der Wurm drin, denke ich. “Schneide sie ab!”, rufe ich. Doch Brigitte kann die Boje mit Einsatz abstreifen.
Mit etwas mulmigem Gefühl fahren wir aus der Bucht, die Wellen kommen direkt auf uns zu, der Wind frischt wieder auf über 25 Knoten auf, doch es geht mit ein paar Hüpfern relativ gut hinaus, guter Abstand zur Nordküste, schliesslich haben wir Legerwall-Situation.
Und dann wird es ein angenehmer Schlag mit räumlichem Wind und abnehmenden Schwell entlang der schroffen Ibiza-Westküste.
Nach gut 4 Stunden erreichen wir unseren Heimathafen San Antoni.
So das wars.
Vier schöne, recht warme Wochen in einem sehr attraktiven Revier und auf einem Schiff, das uns nicht im Stich gelassen hat.
Gruss, Rolf
